Bei Organisationsstrukturen nennt man es „Modelle“ oder „Rezepte“ im operativen Betrieb kennt man es gern als „Best-Practices“. Wenn ich in Gesprächen solche Buzzwords höre, schwingt zwischen den Zeilen immer folgende Aussage mit: „Wenn andere dadurch so erfolgreich sind, dann müssen wir das auch so tun, um so erfolgreich zu werden“.

Den Gedanken dahinter konnte ich lange Zeit gut nachvollziehen. Während Unternehmen, die ein Vielfaches größer sind, viel Geld ausgeben, um herauszufinden wie etwas funktioniert, kann man sich selbst ja das Geld sparen und sich einfach die Ergebnisse zunutze machen.

Mittlerweile erkenne ich jedoch zwei elementare Fehler, die einem Unternehmen langfristig teuer zu stehen kommen können.

Kein Unternehmen ist wie ein anderes

Ist Google so erfolgreich, weil Sie seit 1999 OKRs einsetzen oder sind OKRs überall gefragt, weil Google sie einsetzt? Und wäre Google mit einem anderen System mehr oder weniger erfolgreich?

Ein Unternehmen ist nie wie ein anderes. Vielleicht befinden sie sich in der gleichen Branche und doch haben alle unterschiedliche Strukturen, eine unterschiedliche Führung, unterschiedliche Mitarbeiter, Aufgaben oder Kunden. Doch viele Entscheider denken hier noch sehr in einem schwarz-weiß-Muster. Es gibt nur erfolgreiche Unternehmen und nicht erfolgreiche Unternehmen.

Anstatt sich also auf seine Stärken zu konzentrieren, seine Kunden zu befragen oder seine Glaubenssätze zu analysieren, werden Modelle kopiert, ohne selbst zu denken. Das Resultat ist dabei meist das gleiche: „Irgendwie funktioniert das nicht, aber ich habe gesehen, dass Firma XY auch von OKR zurück auf MBO gewechselt ist. Das sollten wir auch tun.“

Ein Unternehmen wie alle anderen

Nehmen wir doch einmal an, kleinere bis mittelständische Unternehmen bedienen sich an Modellen und Best-Practices der vermeintlichen Marktführer ihrer eigenen Branche.

Alle Onlinehändler nutzen dann SAP und Hybris als Software, entwickeln via Spotify-Modell, Ziele werden im ganzen Unternehmen via OKRs definiert und das Sortiment wird auch anhand der Best-Practice des Marktführers angepasst.

Und nun kommt eine schwierige Frage: „Wie sollen wir einen Marktführer überholen, der mehr Mitarbeiter, mehr Geld und neue Themen immer als erstes hat (bevor wir diese wieder kopieren können)?

Und diese Frage bringt uns auch direkt zum nächsten Punkt

Best-Practices sind Erfahrungen aus der Vergangenheit

In dem Moment, wo es eine Studie mit Best-Practices gibt oder eine Firma sein Organisationsmodell vorstellt, arbeiten diese Vorzeigeunternehmen selbst schon längst nicht mehr so wie vorgestellt, sondern arbeiten bereits an einer Lösung für die nächsten entstandenen Herausforderungen. Dadurch wird ein aufholen für ein Copycat unmöglich.

Das gleiche gilt für erfahrene Berater oder auch für Führungskräfte, die eine Position innehaben, die sie schon bei mehreren Arbeitgebern zuvor hatten. Viele Führungskräfte neigen dazu Ihre Erfahrungen von anderen Unternehmen mitzubringen und zu wissen was funktioniert und was nicht.

Doch Erfahrungen aus einem anderen Unternehmen spielen keine Rolle mehr. Jedes Unternehmen ist anders und zu denken, man wüsste sofort was in der neuen Firma funktioniert, endet in Frustration für alle Seiten.

In unserer heutigen schnelllebigen Zeit kann eine Person, egal wie viel Erfahrung Sie hat, nicht wissen, was in den nächsten Monaten und Jahren einmal funktionieren wird.

Die neue Rolle der Führung

Hat man als Führungskraft früher den Mitarbeitern gesagt, was sie zu tun haben, haben Führungskräfte heute eine andere Aufgabe. Eine Führungskraft muss nicht mehr wissen wie etwas funktioniert, denn das weiß keiner.

Stattdessen muss eine Führungskraft einen Raum schaffen, in dem Ideen getestet werden können, die über die gängigen Best-Practices hinausgehen. Nur so findet ein Unternehmen heraus, was notwendig ist, um einen wirklichen Mehrwert zu generieren als die größere Konkurrenz.

Mit dieser Einstellung hat man nicht nur die Chance selbst zur Best-Practice zu werden, sondern motiviert viele im Unternehmen zur Höchstleistung, da sich die Kollegen mit ihren Ideen einbringen und mit den Aufgaben besser identifizieren können.

Nur wer den Status Quo jeden Tag neu hinterfragt, hat die Chance stärker zu wachsen als der Markt!